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Künstliche Intelligenz und Webdesign

Seit der Veröffentlichung der Gartner-Studie „Surviving the Rise of Smart Machines: The Loss of Dream Jobs and 90% Unemployment“ im Jahr 2013, wird immer intensiver über „Smart Machines“, Künstliche Intelligenz (KI) und deren Auswirkungen auf Unternehmen und unsere Gesellschaft diskutiert.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält das Thema auch durch immer häufigere Warnungen bekannter Wissenschaftler, wie z. B. Stephen Hawking, die die Menschheit vor den Folgen außer Kontrolle geratener intelligenter Maschinen warnen. Aber auch durch diverse Hollywood-Produktionen, wie zuletzt dem wie ich finde sehenswerten Film "Ex Machina" in 2015 (vgl. Ausschnitt aus "Ex Machina") und populäre Bücher wie Nicholas Carrs "Abgehängt – Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden?" wird immer häufiger auf die möglichen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz verwiesen.

YouTube-Video: Hollywood-Produktion "Ex Machina" – Wer ist die Maschine?

Smart Machines

Smart Machines sind Maschinen, die typischerweise das tun, was Menschen tun, bzw. das, was man nie dachte, dass Maschinen es tun können. Smart Machines sind lernfähige Maschinen, die Verfahren der KI anwenden und sich dadurch intelligent verhalten. Beispiele von Smart Machines sind Softwareprogramme im Börsenhochfrequenzhandel, selbstfahrende Automobile oder Diagnosesysteme zur Tumorerkennung.

Die oben bereits angesprochene Gartner-Studie bietet drei teilweise kontroverse Schlussfolgerungen, was Smart Machines und deren zukünftige Bedeutung anbelangt:

1. Die meisten Unternehmen und Entscheider unterschätzen das Potential der Smart Machines. Konkret: 60% der von Gartner für die Studie befragten Entscheider glauben, dass das Aufkommen von Smart Machines als futurist fantasy, also als Zukunftsfantasterei einzuschätzen ist. Gleichzeitig erkennen Unternehmen und Entscheider aber auch, dass die Geschwindigkeit wissenschaftlicher und technischer Innovationen stark zunimmt.

2. Smart Machines unterstützen nicht mehr allein die Automatisierung einfacher Aufgaben, sondern sind lernende Systeme, die ähnlich wie das menschliche Gehirn funktionieren. Dadurch führen Smart Machines zu einem Abbau von Arbeitsplätzen, die bislang als sicher eingeschätzt waren, konkret zum Abbau von Jobs von qualifizierten Spezialisten und breit einsetzbaren Generalisten.

3. Ab 2030, so die Gartner-Studie, sind bis zu 90% (!) aller Arbeitsplätze durch Smart Machines gefährdet. Bereits bis 2023 wird ein Drittel aller Ärzte, Anwälte und Professoren/Dozenten durch Smart Machines oder durch geringer qualifizierte Personen, die neuartige Assistenzsysteme nutzen, ersetzt sein. Der Arbeitsmarkt, politische Systeme und die Gesellschaft als Ganzes müssen sich stark wandeln, um die durch Smart Machines ausgelösten Veränderungen nachhaltig abzufangen.

Klingt düster? Ist es auch!

Gleichzeitig ist und bleibt es aber auch "nur" Zukunftsmusik!

Künstliche Intelligenz im Online-Marketing

Auch im Kontext Online-Marketing und Webdesign wird zuletzt zunehmend über Smart Machines und KI diskutiert. So setzt Facebook bereits heute künstliche Intelligenz ein und entwickelt mit 50 Mitarbeitern neue Anwendungsmöglichkeiten. Beeindruckend: Pro Sekunde trifft die KI der Facebook-Plattform 6 Millionen Vorhersagen bzw. Entscheidungen. So beispielsweise bei der Steuerung des News-Feeds (also bei der Auswahl und Bereitstellung von Inhalten), beim Nutzer-Login oder bei der Erkennung von Bildinhalten (da Nutzer zunehmend nur mehr Bilder posten).

Auch Google experimentiert schon lange äußerst intensiv mit KI und deren Anwendungsmöglichkeiten. Da ist es nur logisch, dass Google auch auf seiner gerade zu Ende gegangenen Entwicklerkonferenz I/O viele Projekte vorgestellt hat, die KI-Verfahren einsetzen.

Seit einiger Zeit sorgt zudem das amerikanische Startup "The Grid" für Furore (vgl. Abbildung 2), das nicht weniger als eine Revolution für das Designen von Websites und Onlineshops verspricht. Verspricht, wohlgemerkt – denn bislang ist kein marktreifes Produkt verfügbar (der von The Grid entwickelte Website-Baukasten steht bislang nur wenigen Beta-Testern zur Verfügung).

Über „The Grid“

Die Gründer von The Grid sind Dan Tocchini und Brian Axe, beide typische Kinder des Silicon Valley. Als Geldgeber und Berater ist zudem Greg Badros, der früher erst bei Google (Senior Director) und dann bei Facebook (als Vice President) wichtige Themen der Produktentwicklung verantwortete. Badros erarbeitete darüber hinaus mit dem "Cassowary Constraint Solver" wesentliche wissenschaftliche Grundlagen und theoretische Verfahren für The Grid.

Abbildung 1: The Grid (Screenshot https://thegrid.io).

Die Gründer von The Grid widmen sich der Frage, ob Webdesign automatisiert werden kann. Die Idee: Nutzer von The Grid sollen sich nicht mehr um so banale Dinge wie die Gestaltung und die Programmierung einer Website kümmern müssen.

Vorhanden sein müssen lediglich Inhalte (Texte, Fotos, Videos), die dann dem auf KI basierenden The-Grid-Framework übergeben werden und anschließend zu einer Website veredelt werden. Die Präsentation der Inhalte soll so am Ende nicht schwieriger sein als deren Erstellung (oder wie The Grid es formuliert: "The Grid's sales pitch is that creating a beautiful looking website geared towards your intentions shouldn't be harder than giving it content-images, videos, and text.").

Das wird versprochen…

Im Kern ist The Grid ein Website-Baukasten, der KI-Verfahren einsetzt, um Layout- und Designentscheidungen zu automatisieren und sinnvoll zu kombinieren. Basis des Baukastens sind keine starren, rigiden Templates, sondern sich dynamisch verändernde Raster und Designmuster (bei The Grid selbst wird von Filtern gesprochen; dieser Begriff wird dem Ganzen aber nicht gerecht).

Mit den bereit gestellten Inhalten "bauen" die KI-Algorithmen die Website, entscheiden also, wie Inhalte präsentiert werden, wie z. B. das Layout der Website aussieht und welche Gestaltungselemente wie verwendet werden, z. B. Farben oder Schriftarten. Stehen dem The-Grid-Framework Fotos zur Verfügung, werden diese analysiert und anschließend automatisiert aufbereitet, z. B. was deren Sättigung, Größen und Formate anbelangt. Der Clou (so zumindest das Versprechen): Werden neue Inhalte ergänzt, wird auch das Design der Website automatisch angepasst.

Wenn das so klappt, wäre einfach zu handhabendes Echtzeit-Webdesign möglich – bei gleichzeitiger Umgehung bislang verwendeter Mediatoren wie Facebook oder Instagram oder einem eigenen CMS. Zeit und Energie müsste nicht länger in das Webdesign fließen, sondern könnten für die Erstellung und Bereitstellung von Inhalten verwendet werden. Jeder Content-Marketer müsste jetzt ausrasten!

Oder – doch nicht?

Es klingt tatsächlich fast zu gut, um wahr zu sein – zumal echte, größere Referenzprojekte bislang nicht existieren. Zwar gibt es Beispiele, allerdings erlauben die Referenzprojekte keinen wirklichen Rückschluss auf die Leistungsfähigkeit von The Grid.

Also muss gefragt werden:

Ist die Idee von The Grid überhaupt umsetzbar?

Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage ist die Erkenntnis, dass gutes Design nicht allein von den Ideen, Erfahrungen, Inspirationen und dem Esprit eines Designers abhängt. Beim Prozess des Designs spielen immer auch grundlegende Designprinzipien eine große Rolle. Diese geben den Designern einen Rahmen praxiserprobter Kriterien bzw. Regeln an die Hand, die vor allem dabei helfen, schlechtes Design von Anfang an zu vermeiden.

Produktvideo bei YouTube:: The Grid - AI Websites That Design Themselves.

In die gleiche Kerbe schlagen übrigens die zuletzt ebenfalls sehr populären Ansätze des Design Thinking, die methodische Empfehlungen geben, um ausgehend von tatsächlichen Problemen echte Problemlösungen zu entwickeln. The Grid kann dementsprechend als Tool verstanden werden, welches hilft ein Problem vieler Menschen (das Designen einer Website) dramatisch zu vereinfachen (durch KI).

Das heißt: Zumindest bis zu einem gewissen Grad kann Design formalisiert und damit mathematisch verarbeitbar gemacht werden. Der Schritt zu KI ist dann nur noch ein logischer, wenn auch kein kleiner.

Entscheidend ist auch zu begreifen, dass The Grid nicht das Ziel hat, das weltbeste Design abzuliefern. Im Gegenteil! Das wird auch gar nicht der Anspruch der Nutzer sein. Ganz ehrlich: Wer hat noch nie leicht genervt mit seinem Smartphone geschimpft, weil Siri doch noch nicht so clever ist, wie wir es uns gerne wünschen würden? Das heißt: Pareto ruft mal wieder! Für die besten 20% im Design wird es mehr brauchen als KI. Nichts desto trotz: In vielen Fällen (~ 80%) wird auch ein von The Grid erzeugtes Design ausreichend sein. Schon heute funktionieren viele Websites gut, obwohl deren Design nicht perfekt oder ideal sein mag.

Für diejenigen, die sich genauer mit den technischen Einschränkungen von The Grid beschäftigen möchten, liefert Ben Moss eine interessante, weil sehr kritische Auseinandersetzung mit The Grid. Auch in den Diskussionen zu dem Blogartikel von Austin Wolf wird intensiv und vielschichtig diskutiert.

Welche Rolle verbleibt menschlichen Webdesignern?

Jede Innovation führt zwangsläufig dazu, dass vermutete negative Konsequenzen der Innovation diskutiert werden. So wie zu hören ist, dass Smartphones Krebs erzeugen, oder dass regenerative Energieerzeugung zu flächendeckenden Stromausfällen führen. Typischerweise stammen kritische Einwürfe von denjenigen, die durch eine Innovation am meisten zu verlieren haben. Schon 1934 schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair, dass Menschen neue Ideen immer dann nicht oder nur schwer verstehen, wenn ihre eigene Lebenswelt noch auf den alten Ideen basiert.

Wie wird also der Großteil der Webdesigner auf The Grid reagieren? Vermutlich mit Skepsis! Denn es sind die Webdesigner, die - zumindest auf den ersten Blick - am meisten zu verlieren haben.

Dabei ist es eine explizite Zielsetzung von The Grid menschliche Webdesigner mitzunehmen, d. h. nicht abzuschaffen. Im mentalen Nutzungsmodell von The Grid kommt menschlichen Designern die Rolle von Kreativdirektoren zu. Dazu Dan Tocchini: "Our AI is dependent on designers training it; the designers are still the masters; the AI just scales their efforts. As we release more details about The Grid's platform, how designers can extend and customize it by inputting their own creative best practices, the idea of replacing designers will be less of a concern."

Fazit

Auch Webdesigner müssen sich der Tatsache stellen, dass Smart Machines und KI auf dem Vormarsch sind. Es muss nicht so schlimm kommen, wie in der zu Beginn zitierten Gartner-Studie prognostiziert. Trotzdem ist mittel- und langfristig zu erwarten, dass sich auch die Erstellung und Bereitstellung von Websites mehr oder weniger dramatisch verändern wird.

Das amerikanische Startup The Grid ist nur der erste, aktuell besonders sichtbare Hinweis dafür, dass sich die Rolle und die Aufgaben von Webdesignern zukünftig ändern. Vielleicht sind die Möglichkeiten von The Grid heute noch nicht überzeugend – allerdings: The Grid ist ein Startup! Und dessen Ansätze werden sicher, unabhängig vom Erfolg des Unternehmens, auch an anderer Stelle aufgegriffen, weiterentwickelt, verfeinert und verbessert.

Wie so oft gilt: "Große Dinge haben einen kleinen Anfang!"

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Veröffentlicht am May 31, 2016 von Bela Mutschler